Geschichte

Diese hier dauert knapp 70 Jahre und steckt – bedingt durch eine Weltwirtschaftskrise und einen Weltkrieg – voller Herausforderungen und Neuanfängen. Schlussendlich scheitert sie an der Globalisierung und ein paar hausgemachten Fehlern. Aber lesen Sie selbst …

1932 – 1944

Firmengründer Karl Scheurer (✶1907 – †1962) um 1925

Beginn

 

Der Drang zur Selbständigkeit ist wohl ein Charakteristikum meiner Familie väterlicherseits. So auch bei meinem Großvater Karl Scheurer, der mitten in der Weltwirtschaftskrise 1932 seine Stellung in einer Walzengravieranstalt kündigt, um sich mit einer Angorakaninchenzucht selbständig zu machen. Eigene Schritte zu gehen scheint ihm sicherer, als sich von den Ereignisen mittreiben zu lassen. Eine Erfolgsgeschichte beginnt, die mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges abrupt gestoppt wird. Nicht zuletzt, weil die Luftwaffe Zugriff auf die Produktion nimmt.

im Oktober 1932 gründet mein Großvater Karl Scheurer die Oberbadische Angorafarm Hauingen (später: Oberbadische Angorawerke) in Hauingen bei Lörrach. Er beginnt mit 3 Tieren und schon nach zwei Jahren umfasste die Zucht 150 Kaninchen. 21 Jahre später wird er ein umfassendes Handbuch zur Angorakaninchenzucht unter dem Titel “Awoba ABC” vorlegen.
Die AWOBA verarbeitet selbstgeschorene Wolle zu Textilien, schult einen Vertreterapparat und verkauft so direkt an den Kunden. Zu jenem Zeitpunkt gibt es zwar ein riesiges Angebot an Wolle, aber keinerlei Erfahrung im Umgang mit der industriellen Verarbeitung. Diese erfolgt bis dahin noch von Hand. Albert Kahmann, ein Mitarbeiter aus der Gründungsphase beschreibt es so:

… Es gab nirgends ein Vorbild. Alles musste von Grund auf entwickelt werden. Die Nachteile des Materials, die Schwierigkeiten in der Verarbeitung mussten erforscht und überwunden werden. Es hat manchen Schweißtropfen und manche schlaflose Nacht gekosten.
(AWOBA, Die Wohltat der Natur, S. 48, Verlag für Wirtschaftspublizistik, Wiesbaden, 1957)

Seit 1936 haben Produktion und Absatz ein solches Niveau erreicht, daß die Möglichkeiten der eigenen Zucht bei weitem überschritten werden. Ab 1937 betreibt man ein Verkaufsbüro in Frankfurt am Main, später wird ein Haus in Freibung im Breisgau erworben. Und noch vor Kriegsbeginn entsteht eine Niederlassung im benachbarten Kandern. Man ist in stetiger Expansion begriffen, als der Krieg alles stoppt: Besonderes Merkmal der Angoraprodukte ist nämlich die Fähigkeit im Umgang mit Temperatur und Feuchtigkeit. Mit Beginn des Krieges wird die Angoraproduktion deshalb für die Luftwaffe interessant: Die Anforderungen an thermische Kleidung für die Operation in großer Höhe lässt zu jener Zeit nur Angoraprodukte zu. So beginnt man nicht nur, sich der Materials und der Produktion zu versichern. Nein, man versteigt sich zu der Idee, aus der Luftwaffe selbst eine Art Züchterverband zu machen. Ein recht unrealistisches Unterfangen, da die Angorazucht viel Erfahrung und Fachkenntnis voraussetzt. Karl Scheurer wird als Berater solcher Zuchtstellen hinzugegzogen. Da Züchter grundsätzlich ihren Ertrag an die Zentralstelle in Berlin abführen müssen, bringt das für die AWOBA eine Ersatzbeschäftigung. Die eigentlichen Ziele des Unternehmens sind so aber nicht mehr zu erreichen.

1945 – 1969

Das Stammhaus der AWOBA in Hauingen/Lörrach
(Titelblatt eines Prospektes von 1955) 

Neustart

 

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges sieht man sich einer Situation gegenüber, die nicht besser ist, als zur Gründungszeit während der Weltwirtschaftskrise. Es fehlt der Firma an Züchtern und somit an Rohstoffen. Den Züchtern wiederum fehlt es ernährungsbedingt an Tieren. Darüber hinaus hat die französische Militärregierung klare Vorstellungen davon, was innerhalb der Besatzungszone erlaubt ist.
Alles in allem eine riesige Herausforderung, der sich Karl Scheurer mit nunmehr 38 Jahren stellt. Der einzige Vorteil gegenüber dem Beginn, ist eine 12jährige Erfahrung, die ihn zu einem der führenden Fachleute dieser Branche gemacht hat.

Am 22. November 1945 wird bei der Zentralstelle für Textilwirtschaft in der französisch besetzten Zone in Badenweiler der Antrag eingereicht, Die Rohwolle direkt bei den Züchtern einkaufen zu dürfen. Zusätzlich schlägt man ein System für Qualitätsmerkmale und entsprechende Preise vor. Beides wird – bei einer Rücklieferungsquote von 20% des angelieferten Rohwollwertes – genehmigt und so die Grundlage für den Neustart gelegt.
Viele weitere Hindernisse machen einen organisierten Arbeitsablauf fast unmöglich: Es gibt ein Telefon, aber keine Verbindung. Es existiert ein Fahrzeug, aber keine Erlaubnis für ein persönliches Reisen und den Verkehr mit dem Selben. Die Zonengrenze ist ein weiteres großes Hindernis bei der Kontaktaufnahme mit Züchtern, Vertretern und Kunden.
Jede Menge Improvisation mit dem vorhandenen Material und geduldige Verhandlungen mit der Militärbehörde führen zu kleinen Erfolgen. Einige der Abenteuer, die hierbei zu bewältigen sind, kann man in dem Buch “Die Wohltat der Natur” nachlesen.

Im Laufe der Zeit “normalisieren” sich die Verhältnisse in Deutschland und das Arbeiten wird einfacher. Das neu geknüpfte Vertreternetz ist dichter als je zuvor und die Produktionsmengen erreichen ein Vielfaches derjenigen der Vorkriegszeit.

Der 1953 kreierte Markenname Medima (Medizin in Maschen), der 3 Jahre später als Markenzeichen eingetragen wird, ist nun Firmenname. 1962 verfügt das Unternehmen über 4 Produktionsstandorte in der Umgebung: Die Gründungsniederlassung in Hauingen, das bereits erwähnte Werk in Kandern, eine Spinnerei in Tegernau (1952) und der neue Hauptsitz in Maulburg.
Das Logo mit dem Hasenkopf und die Werbefigur “Lampi”, sind seit 1958 aus der Funk- und Fernsehwerbung bekannt. in den 60ern erreicht Medima vorübergehend einen Bekanntheitsgrad von 83%.

1970 – 1989

Der Firmensitz in Maulburg 

Expansion

 

Die 70er und 80er Jahre stehen im Zeichen der Expansion. Medima hat einen festen Platz im Einzelhandel und dort speziell bei den Sanitätshäusern. Das Produktportfolio erfährt eine Ausweitung in Bereiche, die nicht direkt mit Angora in Verbindung stehen. Medima findet man in fast ganz Europa und in Übersee.
Ein weiterer Schwerpunkt des Unternehmens ist eine ausgefeilte Grundlagenforschung. In diesem Zusammenhang pflegt die Firma Kontakte mit bekannten Persönlichkeiten und Institutionen der Medizin und Bekleidungsphysiologie im In- und Ausland.

Nach anfänglichen Versuchen, im Textilhandel Fuß zu fassen, zeigt sich, daß der Gesundheitsfachhandel der richtige Absatzmarkt ist. Später wird das zu einem Problem werden; aber noch profitieren Medima und tausende von Einzelhändlern von diesem Status Quo.

Nachdem man in den 50ern mit Gesundheitswäsche und Modeartikeln begonnen und mitte der 60er Sportwäsche mit ins Programm nahm, weitet man das Angebot ab den 70gern mit Feinwäsche, Gesundheits-Sandalen und Cashmere-Moden aus. Auch das soll später zu großen Schwierigkeiten führen.

Gegen Ende der 70ger Jahre unterhalten die Medima Werke neben den Produktionsstandorten in Maulburg und Umgebung, Niederlassungen in Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Depots in Belgien und Dänemark. Des weiteren Kooperationspartner in Finnland, Kanada, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und den USA.

Der Geschäftsbericht von 1981 erwähnt einen Umsatz von DM 103,1 Millionen, alleine in den Bereichen Angora-Wäsche, -Segmenten und -Strickbekleidung. 70% dieser Summe wird im Inland erzielt. Von den 800 Mitarbeitern sind 30 ausschließlich mit der Produktforschung und -Entwicklung beschäftigt.

1985 ist Medima die drittbekannteste Wäschemarke, direkt hinter Schiesser und Triumph. Trotzdem beginnt die Akzeptanz zu schwinden. Nicht zuletzt, weil die erste Trägergeneration langsam verschwindet. Hinzu kommt, daß sich zu unterschiedliche Produktlinien nicht unter einen Hut bringen lassen…

1990 – 2001

Der Firmensitz in Maulburg 

 Ende

 

Abgesehen davon, daß sich die Fachwelt darüber streitet, wann der Prozess der Globalisierung seinen Anfang nahm, beginnt in den 70ern eine wirtschaftliche Entwicklung, die die bis dahin gut eingespielte “Deutschland AG” empfindlich trifft. Einer der ersten Leidtragenden ist die Textilindustrie. Die Zahl der Beschäftigten wird ab 1970 in den kommenden 7 Jahren von 379.000 auf 276.000 fallen. 2007 sind es noch ganze 88.000. Die Herstellung von Bekleidung war (und ist) immer noch sehr lohnintensiv. Im Fall der Medima Werke kommen aber noch ein paar hausgemachte Probleme hinzu.

Die 30 Jahre lang unverändert praktizierte Vermarktungsidee der Gesundheitswäsche hat sich überholt, so daß man schon mitte der 80er beginnt, die Marke mit modischer Top-Lingerien zu verjüngen. Dem Handel diese Zweigleisigkeit zu verkaufen stellt sich als schwierig heraus: So kann der über Jahrzehnte treue Sanitätshandel mit der modischen Ausrichtung nichts anfangen. Die Lingerien hingegen tun sich mit einer Marke schwer, die eher für das Lindern körperlicher Beschwerden, als für Erotik und Eleganz steht.
Ferner verlangt die Lingerie-Kollektion eine ganzjährige Präsenz am Markt. Das ist mit Angora-Produkten aber nicht zu schaffen. Medima ohne Angora wäre ein riskantes Experiment. Anfang der 90er steht man schlussendlich vor der Entscheidung, entweder eine komplett neue Marke aufzubauen, oder die Zweigleisigkeit zu riskieren. Man entscheidet sich für die zweite Option.

Mit der Einführung der Lingerie-Linie beginnt man, das Erscheinungsbild behutsam anzupassen. Lintas (Hamburg) überarbeitet das Logo und schafft eine passende Farbwelt. Man prägt den neuen Slogan “Das gute Gefühl” und versucht so Abstand zu dem historischen “Wie das Wetter auch wird für unser Klima, Medima, Medima” zu bekommen. Aus der Medima-Werke Karl Scheurer KG wird die Medima GmbH. Damit einher gehen Veraenderungen in der Unternehmensorganisation, Personalabbau und die Zentralisierung der Produktion im Stammhaus in Maulburg.

Anfang der 90er werden finanzelle Fehlentscheidungen im Management bekannt. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren und zu personellen Umbesetzungen. Der entstandene Schaden liegt im zweistelligen Millionenbereich und bringt das Unternehmen in eine bedenkliche Schieflage.

Im Herbst 1994 wird die Medima GmbH von der Quandt-Gruppe übernommen. 1997 erwirtschaftet man einen Umsatz von DM 82 Millionen; mehr als die Hälfte davon im Ausland. 1997 unternimmt man einen Anlauf, den Sportfachhandel als neuen Vertriebskanal zu gewinnen.
1999 ist der Umsatz erneut rückläufig und beträgt nur noch DM 70 Millionen. Schrumpfende Auslandsmärkte und das ausbleibende Winterwetter 2000 zwingen das Unternehmen dazu, am 9. Januar 2001 insolvenz anzumelden. Vertrieb und Produktion werden von der Peters GmbH in Albstadt übernommen.

2001 …

Die Peters GmbH in Albstadt ist seit 1978 selbst ein erfolgreicher Hersteller und Lieferant von Angora-Unterwäsche und Angora-Segmenten. Mit der Übernahme der insolventen Marke Medima kann man das eigene Angebot ergänzen und hat eine Traditionsmarke mit im Programm.
2004 wird die neue Medima Vertriebs GmbH gegründet. Mit neuen Kollektionen, Materialmixen und Verarbeitungstechnologien baut man das Unternehmen konsequent zum Gesundheitsspezialisten aus. So finden sich heute Produkte mit Kombinationen aus Angora und wahlweise Seide, Kaschmir oder Modal (Lingerie), bzw. Antiseptische Produkte mit Anteilen von reinem Silber. Heute ist die Marke Medima in 95% aller Sanitätsfachgeschäften in Deutschland und in gut sortierten Kaufhäusern, bei hochwertigen Textilversendern und im eigenen Online-Shop erhältlich. Im Dezember 2013 sorgt eine Kampagne der Tierschutzorganisation PETA gegen gezupfte Angorahaare für dramatische Probleme. Obwol die Peters AG ausschließlich Haare von geschorenen Kaninchen verwendet, gerät das Unternehmen unter Generalverdacht und muss in Folge ein Werk in Clausnitz schließen.

Angoraherstellung und -Verarbeitung sind hier zu Lande mittlerweile dünn gesät. Zu nennen wären noch die Unternehmen Seidenhase (Andreas Göbel) in Cobstädt oder Angora Moden (Ulrich Bauer) in Deizisau.

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Bernhard R. Scheurer
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